Liebes Handelsblatt,
vor einigen Tagen schwappte ja die Welle an Kritik an euch, bzw. den Autor Stefan Kreitewolf hoch.
Auf diese Kritik habt ihr ziemlich lange nicht geantwortet. Nun habt ihr gestern über eure Facebook-Fanpage in die Welt hinausposaunt:
Liebe Leserinnen und Leser,
auf meinen Text über das Erfolgsrezept der Rapper habe ich zahlreiche Reaktionen bekommen. Es gab eine Handvoll, die den Text gut fanden, die allermeisten allerdings nicht.
Was mir selbst daran nicht gefällt, ist, dass mein Kommentar als pauschal negativ für die Rapperszene aufgenommen wurde. Aus meiner Sicht habe ich sehr wohl auch die andere Seite beleuchtet: Mit „Xatar“ und „Haftbefehl“ habe ich zum Beispiel aufgezeigt, dass HipHop nicht nur Krawall ist.
Wie dem auch sei: Kommunikation ist, was beim Empfänger ankommt. Und das hat zumindest bei jenen, die sich nun lauthals ärgern, offenbar nicht gut funktioniert. Ich wünsche mir von all diesen: Nehmt den Artikel als Meinungsbeitrag und steigt in die Diskussion ein. Mich – und sicher auch das Handelsblatt – würde eine Replik interessieren.
Beste Grüße,
Ihr/Euer Stefan Kreitewolf (nd)
Sie sagen also, dass es an falscher Kommunikation lag, dass ihr Artikel schlecht ankam bei ihren „Leserinnen und Leser“?
Nein, wenn es an etwas nicht lag, dann nicht an der Kommunikation. Es lag an ihren Argumenten.
Sie schreiben, dass sie mehrere Seiten der Rapmusik beleuchtet haben? In dem folgenden „Meinungsbeitrag“ zeige ich ihnen, dass ihr Artikel lieber nicht ins Internet sondern in den digitalen Mülleimer gehört.
Sie fangen schon gut an. Unter der Überschrift werden das erste mal Rapper über einen Kamm geschert und Hip-Hop und Rap verwechselt. Sie schreiben:
„Songs von Verbrechen und Gewalt: Im Hip-Hop gehört das nicht nur zum guten Ton. Einige Rapper leben ihre Musik aus und landen deshalb immer wieder vor Gericht. Über den Erfolg einer ganz speziellen Musikrichtung.“
Im Hip-Hop gehört Gewalt also zum guten Ton? Ok, das könnte eine Feststellung sein, wenn die gesamte Breakdance- die Graffiti- und die DJ- Szene auch alle mit Baseballschlägern durch Berlin ziehen würden, um kleine gentrifizierende Hipster zu verprügeln, dann kann man vielleicht von einer Gewaltszene reden. Stattdessen vermischen Sie die beiden Begrifflichkeiten. Das ist nervig, aber das passiert ja ungefähr jedem.
Was an Hip-Hop jetzt mehr speziell als z.B. an Metal ist, wollen sie also in ihrem Text zeigen.
Sie fangen mit Bushido an. Das ist ja auch verständlich, wenn sie über Gewalt in der speziellen Szene des Hip-Hops schreiben wollen.
Bushido steht regelmäßig vor Gericht, hat Connections zum Abou-Chaker-Clan, welcher ja die angeblich schlimmste Mafia der Welt ist. So wie die Bild sie darstellt, noch schlimmer als Mexikanische Drogenkartelle.
Aber lassen wir das Thema Bushido-Abou-Chaker mal an der Seite liegen.
Sie werden in ihrer „Berichterstattung“ noch viel interessanter.
„Ein prominenter Extremfall, aber kein Einzelfall in der Rapper-Szene, die ihr ganz besonderes Image pflegt – im Auftreten wie in den Texten. Die Hosen hängen tief, die Mützen sitzen schräg und der Kopf nickt zum Beat: „Ich brech` dir dein Genick, Nigger“, „Lass’ es schmerzen“ oder „Kugel in deinem Kopf“.“
Schön, wie sie alte Klischees „tiefhängende Hosen“ und schrägsitzende Mützen für sie immer noch relevant sind.
Ich frage mich, wie ein Hipsterrapper in seiner Skinny Jeans, diese Hose immer noch tief hängen lassen kann. Aber egal.
Viel eher stellt sich für mich die Frage, wie sie es schaffen, einen Bezug von diesem Kleidungsstil zu der ja angeblich gewaltverherrlichenden Musik herstellen wollen.
Werden also alle Cap- und tiefhängende-Hosen-Träger zu Gewalttätern?
Aber weiter im Kontext: Es wird ja immer besser.
„Diese aus dem Englischen übersetzten Songtitel sind die Hymnen einer Subkultur. Ob „Snoop Dogg“, „50 Cent“ oder der „Wu-Tang-Clan“: Wer im Hip-Hop wirklich etwas auf sich hält, der pflegt in seinen Liedern das Badboy-Image und kokettiert mit Verbrechen und Gewalt.“
Ja, Rapper pflegen alle Badboy-Images. Vor allem so Menschen, wie Marteria, Casper, die Antilopen, oder sogar der gute Edgar Wasser, der sogar einen Song nach seinem Badboy-Lebensstil benannt hat. Wer da die offensichtlichen Verbindungen nicht sieht, der kann sich nicht gut genug informiert haben. Oder auch nicht. Schön, dass sie Wu-Tang benannt haben.
Deren neues Album „A better World tomorrow“ steht ja auch dafür dass die Welt besser wird, wenn alle sich morgen niederschlagen dürfen. Not.
„Hierzulande zeigen Rapper wie „Bushido“, „Sido“ und „Xatar“, dass sie nicht vor ihren Kollegen auf der anderen Seite des Atlantik zurückstecken wollen. Denn immer mehr Rapper landen in Deutschland vor Gericht. Erlebt der Gangsterrap, der in den 1990er-Jahren in den USA eine Welle der Gewalt auslöste, in Deutschland eine Renaissance?“
Also, dass Deutschrap in den letzten Jahren gewalttätiger wurde, das kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Gerade durch den Schub, den Marteria und Casper dem Deutschrap gegeben haben, wurde die Musik eher „entkriminalisiert“ wenn man ihrer Begründung folgen wollen würde. Auch schön, dass sie Sido erwähnen. Wenn ein Album zur Zeit Gangsterlastig ist, dann ist es 30.11.80. Hier zelebriert Sido ja gerade seinen aggressiven, brutalen Lebensstil. Seine Straftat liegt zwar ein Monat nach Album-Release, aber das ist ja auch egal.
Dann nennen sie die 10 erfogreichsten Rapper. Ohne Zeitangabe, ohne alles. Sie setzen die einfach fest.
Neben den, am gefährlichsten Rappern wie Fanta 4 oder Cro zählen sie auch Casper auf.
Zu dem guten schreiben sie:
„Casper besitzt eine auffällig raue Rap-Stimme, die seiner Bekanntheit maßgeblich zugute kam. Thematisch finden sich in seiner Musik häufig autobiographische Elemente wieder.“
Aha, also ein Rapper, der autobiographische Elemente in seine Musik einbezieht.
An diesem Punkt hätte ihnen die Wende klappen können. Sie hätten darüber schreiben können, dass viele Rapper Kunstobjekte erschaffen. Sich nicht selber in der Musik wiederspiegeln, sondern in gewisser Weise kleine alter Egos, kleine Kunstfiguren erschaffen.
„Die Antwort ist nicht so einfach. Denn wer im Hip-Hop was auf sich hält, sucht die Konfrontation. Und wer mit Verbrechen und Gewalt auffällt, der gewinnt „Street Credibility“, was so viel heißt wie: „Respekt auf der Straße“. Von Graffiti über Raub, Drogenmissbrauch bis zu illegalem Waffenbesitz gehört in der Szene eine lange Liste an Straftaten zum guten Ton. Das hat sich seit 25 Jahren nicht geändert.
Dass Gewalt aber auch strategisch eingesetzt werden kann, beweist der bekannte Berliner Rapper „Sido“: Er musste sich jüngst wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten. Er war in eine Schlägerei verwickelt. Das Medieninteresse war groß. „Sido“ bleibt im Gespräch und sein Album „30-11-80“ verkauft sich prächtig.“
Hierzu kann man viel sagen, aber das wäre alles sinnlos. Hier wird eine Rapszene als das schlimmste verurteilt, weil sie Graffiti sprayt, Marihuana konsumiert oder Waffen besitzt?
Stimmt und das wird auch nur gemacht, da Sido sein Album besser verkaufen kann.
Hier zeigt der Autor, dass er gar nicht recherchiert hat, worum sich Sidos Texte eigentlich drehen.
Mit 30.11.80 beschreibt sich Sido als ernster, erwachsener Mensch, der seine Fehler reflektiert.
Bei ihnen klingt es so, als ob Sido während der Aufnahme eine gesamte Diskothek verprügelt hätte.
Dann schreiben sie noch so Sachen wie:
Während andere Musiker durch die Radio- und TV-Stationen touren, um ihr Album zu promoten, greift „Sido“ zur Gewalt, und er ist sofort in aller Munde. Der Fall beweist: Das Spannungsverhältnis zwischen Verbrechen und Hip-Hop ist manchmal nur Verkaufsstrategie. Für „Sido“ zahlt sich das aus: Vorstrafen helfen seiner Karriere
Was für eine Frechheit. Als ob Rapper gezielt Verbrechen begehen, um von ihren Fans geliebt zu werden und um mehr zu verkaufen.
Mit dieser Passage über Xatar wollen sie das beweisen: „Seine Glaubwürdigkeit verschaffte ihm zehntausende Fans. Dafür war er bereit, bis zum Äußersten zu gehen: Im Dezember 2009 überfiel „Xatar“ einen Geldtransporter, wurde geschnappt und kam für vier Jahre hinter Gitter.“
Als ich dass gelesen habe, zweifelte ich an ihrem gesunden Menschenverstand. Aber sie haben nur einfach Zusammenhänge gezogen, wo es keine gibt. Ja Xatar ist ein Rapper, der Rap über Gewalt gemacht hat. Das heißt aber noch lange nicht, dass er für seine Musik und seine Fans einen einzigartigen Coup plant.
Vielleicht hätten sie auch das Lied „Besuchstag“ von Celo und Abdi featuring Xatar einbauen können. Wo Xatar seine Hörer davor warnt, seinen Weg einzuschlagen. Aber das wäre objektiv gewesen. Und das schaffen sie eben nicht mit ihrem Artikel.
Dann greifen sie Haftbefehl an. Zusammengefasst kann man sagen, sie beschreiben ihn als Vorzeige-Straftäter.
Dass Haft der Gewalt abgeschworen hat und jetzt objektiv über Gewalt und Kriminalität rappt, fehlt aber komplett in ihrer Betrachtung seiner Musik.
Songs wie Anna Kournikova oder den zweiten Part der 1999-Trilogie, die sehr kritisch damit umgehen, was Haft gemacht hat, fehlen in ihrer „Berichterstattung“.
Denn Haft ist ja quasi Schuld am Tod von Tugce. Was eine hirnrissige Bemerkung.
Nein, denn wenn Hafti morgen zu dem Döner bei mir um die Ecke kommen würde und ich da wäre würde ich auch gleich ein Selfie machen wollen. Wie gerade so viele.
Aber da man das Problem Hip-Hop ja international sehen muss, haben sie auch einen Blick nach Amerika gewagt.
Wo es dank des Hip-Hops „Brennende Autos, Schüsse auf offener Straße, Drogenmissbrauch und Gewalt gegen die Polizei: In den USA tobte Anfang der 1990er-Jahre ein Krieg zwischen rivalisierenden „Crews“, wie die Hip-Hop-Gruppen auf der anderen Seite des Atlantiks genannt werden“ gab.
Denn „Die Anfangsjahre des Hip-Hops sind geprägt von Hass und Gewalt. Es gilt: Je brutaler und blutrünstiger, desto besser.“
Auch wenn der Krieg zwischen West und Eastcost Musikalisch zu den besseren Zeiten gehörte, Menschlich war er das nicht. Trotzdem war der Streit zwischen den Küsten nicht die Anfangszeit des Hip-Hops und nicht alle Rapper waren in dieser Zeit so.
Mit einer Einlassung über aktuelle Amerikanische Rapper, endet ihr Artikel. Zum Glück.
Insgesamt lässt sich sagen, dass sie eine sehr einseitige Darstellung des Hip-Hops transportiert haben.
Während sich die Juice nicht zur aktuellen Sanktionspolitik gegen Russland äußert, sollten sie sich besser nicht zu Kulturen äußern, die sich anscheinend kein bisschen verstehen.
So eine Darstellung ist aber auch gefährlich. Sie schüren damit Ängste, die sich anderswo dann auf die Betroffenen auswirken.
Mit ihrer Zeitung erreichen sie Menschen, die häufig keinen realen Bezug auf die Hip-Hop Kultur haben. Nach diesem Artikel denken dann Menschen so, wie einer der ersten Menschen, die das kommentiert haben.
„Solche Typen sind im toleranten Deutschland herzlich willkomen. Pegida verwundert die Betroffenen, Geschädigten und Opfer solcher Typen nicht mehr. Nur die Politiker sind darüber offenbar erstaunt. Allen voran die linke Fraktion. Offenbar haben diese noch keine Erfahrungen mit dem Bushido & Co.auf der Straße selbst oder deren Kinder gemacht. Aber keine Angst, das kann ja noch.
Die Gewahrsamsbücer der Polizei (Festnahmebuch) sind voll von den Namen Bushido & Co. Komisch, die Namen Hannah Lena, Maiximilian, Sebastian kommen darin seltender vor. Wer es nicht glaubt, schaut sich sich die Namen mal am besten vor Ort an, sofern er gelassen wird. Allerdings bezweifele ich das.
Auch ein Grund von Pegida.“
Oder so:
„Was sind das wohl für Typen, die solche CD`s kaufen und auch noch für Veranstaltungen solcher Art Eintritt bezahlen.???“
Hier sollte man überwachen.
Sehen sie, sie schaffen mit diesem Artikel etwas, was sie ja an sich in dem Artikel ablehnen, nämlich Hass und in gewisser Weise, wie man am ersten Kommentar ja sieht, Rassismus.
Denn es sind ja anscheinend nur Migrantenkinder, die Rappen und so böse sind. Und vor allem gesteuert durch Hass sind sie.
Tut mir Leid Herr Kreitewolf, aber ihr Artikel ist es, was Hass erzeugt.
Durch ihre billige, von zahlreichen Ressentimenten geprägte „Berichterstattung“ verurteilen sie eine der vielfältigsten und auch in gewisser Weise weltoffensten Kulturen, die es gibt.
Eine Kultur, die auf den Grundsätzen der Zulu Nation basieren sollte und es auch sehr stark tut.
Recherchieren sie mal das, denn dann hätten sie einen ausgewogeneren Text hinbekommen.
Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Steen.
Kurz vor dem Terrorattentat, was die Welt verändern wird, da ich Hip-Hop höre.